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Eine alte Postkarte mit dem Karnevalslied des Jahres 1912
08.02.2012 14:23 | Neuwied | Neuwied

Mit Holzschuh-Wettlauf den Rosenmontag gestartet

Fastnacht vor 100 Jahren: Blick in närrische Geschichte(n)

Könnten es sich die Karnevalisten des Jahres 2012 vorstellen, das der Elferrat einer Neuwieder Karnevalsgesellschaft - gemeint sind hier die heutigen Innenstädter und die Heddesdorfer - im Fastnachtsumzug in Engers mitfährt? Oder dass Neuwieder Karnevalisten sogar mit drei (!) Wagen als Ehrengäste des Heimbacher Prinzen am dortigen Veilchendienstagszug teilnehmen und im offiziellen Zugprogramm aufgeführt werden?

Nun, vor genau 100 Jahren, im Jahr 1912, geschah dies. In jenem Jahr war der Elferrat der Großen Neuwieder Karnevalsgesellschaft zu Gast in Engers und huldigte dem dortigen Prinzen Fritz I. von Kuno-Witthofstein, während es in Heimbach Prinz Josef der IV. (ohne Adelsprädikat) war, der den Neuwiedern Gastrecht gewährte. Wo und wie wurde Karneval in unserer Stadt vor 100 Jahren überhaupt gefeiert? Jürgen Moritz, heimatgeschichtlich interessierter Beigeordneter der Stadt Neuwied, hat einmal zurückgeschaut in jenes Jahr 1912.

Gefeiert wurde in den meisten der heutigen Neuwieder Stadtteile. Und dies nicht zu knapp, legt man die Zahl der Anzeigen in den damaligen lokalen Zeitungen zugrunde. In Niederbieber veranstaltete der Männer-Gesang-Verein Liedertafel einen Maskenball während in Oberbieber der Verein Eintracht einen Bohnenball im Wiedischen Hof organisierte. Die Gewinnerin oder der Gewinner der Bohne, die in einen Karnevalskrapfen oder einen Kuchen eingebacken worden war, konnte als Preis einen „wertvollen Kunstgegenstand“ gewinnen. In Fahr gab es im Gasthof zum Bahnhof ein Bockbierfest mit humoristischer Unterhaltung und in Irlich fanden gleich in mehreren Lokalen Maskenbälle statt.

Aber auch in der Innenstadt und in Heddesdorf gab es zahlreiche Karnevalsveranstaltung. So feierte die Große Neuwieder Karnevalsgesellschaft im Hotel Hohenzollern, wo eine spanische Truppe namens „MADRID“ auftrat. Im Lichtbildtheater Deutsches Haus, das sich am Rheinufer gegenüber der damaligen Köln-Düsseldorfer Landebrücke befand, gastierte an den Fastnachtstagen das „Variete- und Possen-Ensembles Mignon“ und am Veilchendienstag folgte dann in den zahlreichen Lokalen der Innenstadt der obligatorische Rappel, bei dem sich die Närrinnen und Narren nochmals bis Mitternacht vergnügen konnten.

Gefeiert wurde natürlich auch in den Gaststätten der lokalen Karnevalshochburgen. In Heimbach und Weis sowie in Engers und Gladbach, wobei eine Gaststätte in Heimbach -vielleicht ein Versehen des Setzers - im Anzeigentext ausdrücklich darauf hinwies, dass man während der Fastnachtstage „ausnahmsweise“ für gute Getränke und Speisen sorgen wollte!

Es gab auch Umzüge in einigen der heutigen Neuwieder Stadtteile. In Gladbach bewegte sich am Rosenmontag ab 14.11 Uhr der närrische Umzug durchs Dorf. Am Morgen zuvor hatte es ein Holzschuh-Wettlaufen im Ort gegeben, dessen Sieger mit Preisen bedacht wurden. Ein lustiger Wettbewerb, den man vielleicht heute wieder beleben könnte. Für Spaß wäre jedenfalls gesorgt.

In Engers gab es in jenem Jahr einen Maskenzug am Veilchendienstag. Sein Motto lautete „Die zwölf Monate des Jahres“. Gestaltet wurde er von zehn Engerser Vereinen und er umfasste immerhin 26 Programmpunkte. Sein Zugweg führte sogar über die Kreisgrenze bis nach Mülhofen, wo er eine Pause einlegte! Zum Abschluss gab es einen großen Maskenball im Hotel Schunkert, dort, wo heute die Villa Musica in der Residenz Schloss Engers ihre Gäste beherbergt.

Der größte Umzug war in jenem Jahr natürlich - daran hat sich auch 100 Jahre später nichts geändert - der Fastnachtsumzug durch Heimbach und Weis. Bereits Anfang Januar hatte die Heimbacher Karnevalsgesellschaft „Mier wessen ött schon“ in der Zeitung angekündigt, dass man mit den Vorarbeiten für den großen Karnevalsumzug beschäftigt sei. Das Zugmotto sollte „Prinz Karneval huldigt dem deutschen Lied“ lauten. Sieben prachtvolle Motivwagen, der Wagen des Zugkomitees, der Prinzenwagen seiner Tollität sowie die Wagen der Neuwieder Gäste bildeten neben zahlreichen Fußgruppen, Musikkapellen und einem Trommlerkorps den närrischen Lindwurm der sich am Veilchendienstag durch Heimbach und Weis schlängelte. Das Wetter stimmte offensichtlich, denn die Zeitungen wussten zu berichten, dass die Umzüge bei „mildem, trockenen Frühlingswetter“ stattgefunden hätten und die Neuwieder Kreisbahn führte wegen der zu erwartenden großen Besucherzahl Extrafahrten durch.

Zurück hielten sich in jenem Jahr offensichtlich die Weiser Narren, denn im Gegensatz zu den Jahren zuvor, fand Jürgen Moritz bei seiner Recherche keinen Hinweis auf einen Weiser Fastnachtsumzug.

Übrigens, die Fastnachtsmusik kam auch in jenen Jahren schon aus Köln. Und der Hit des Jahres 1912, geschrieben vom legendären Willi Ostermann, war das „Kölsch Katzeleed“ oder auch „De Wienanz han nen Has em Pott“, das heute selbst begeisterten Karnevalisten kaum noch bekannt sein dürfte.








Pressekontakt: Stadtverwaltung Neuwied (pressebuero[at]neuwied.de)
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